1. "Betrachtungen aus dem Café Ritter"

Shownotes

"Betrachtungen aus dem Café Ritter"

An einem Sommertag sitze ich im Kaffeehaus. Es regnet seit dem Morgen, und das ist wunderschön.

Während draußen Menschen am Fenster vorbeigehen, genießt man seinen Nachmittag.

Gewiss, auch im Café ist eine gewisse Hektik, Neueintreffende suchen einen Sitzplatz, den die Sitzenden besetzen. Keiner macht Anstalten aufzustehen – wozu auch?

Draußen ist es nass, Schirme verdecken ihre Träger, von der U-Bahn-Station Neubaugasse hasten Menschen wohin, wohin es auch sein mag.

Der Fußgängerübergang hat acht Streifen, und es ist zu beobachten, dass manche zwischen den Streifen gehen, manche darauf und wieder andere auf und zwischen den Streifen sind.

Sie setzen einen Schritt nach dem anderen, flanieren auf die Seite des Cafés oder in Richtung Station. Die Schnürsenkel sind gebunden, manche sind in Sandalen unterwegs und die meisten Frauen tragen Sportschuhe, so wie die Männer. Ihre Schritte sind leise, die meisten gehen aufrecht. Ich schlafe gleich ein.

Das Beobachten der Passanten beruhigt auf eine Weise, so wie der Blick auf die Straßenuhr. Sie hat keinen Sekundenzeiger, während der Minutenzeiger minütlich in eine Richtung wandert. Tick-Tack-Tack.

In einer Stunde wird es 16:36 Uhr sein. Zumindest auf der Uhr. Die Zeit wird zeigen, ob es wirklich so sein wird. Der Nachbartisch ist frei geworden. Ein Mann las in einem Buch. Über ihm leuchtete ein künstliches Licht, daneben schien das Licht des Tages herein. Es ist langweilig, einem Menschen beim Lesen zuzusehen. Es ist langweilig, Menschen beim Sitzen und Stehen zuzusehen. Und auch ihr Gehen ist kein Krimi.

Soeben hat sich ein anderer auf den freien Platz gesetzt. Er liest die Speisekarte, das sieht genauso langweilig wie das Lesen eines Buches zuvor aus.

Ohne Menschen wäre es allerdings noch langweiliger.

Stühle neben Tischen, Sitzbänke reihen sich an weitere Bänke. Einige Meter weiter vorne (von der Seite gesehen) saß ich mit Papa vor 10 Jahren. Ich weiß nicht mehr, worüber wir uns unterhielten, aber es war ein angenehmer Nachmittag im Leben.

Ich fragte nie, wo er sich in zehn Jahren sieht, aber gäbe es eine Möglichkeit, in der Zeit zurückzugehen, in die Vergangenheit, da würde ich ihm wohl erzählen, was seitdem passiert ist. Vielleicht kommt er wider Erwarten durch die Eingangstür.

Wer weiß? Man sollte die Hoffnung nie aufgeben.

Die Bücher hätte ich mir sparen können, im Fluss des Schreibens werden Bücher daneben nass. Aber der Nachmittag ist lang. Zeit zum Lesen sollte sein, ich möchte auch einen gelangweilten Anblick für andere bieten.

Stimmgewirr, Kaffee, der in Tassen auf Tische gestellt wird, elektrische Lampen, die in der Helligkeit des Tages leuchten, Kellner, die hin- und herschwirren, neue Gäste, die fragend ihren Kopf bewegen – sie suchen einen Sitzplatz, während der kleine Ritter am Eingang sein kleines Schild hält.

Ich halte währenddessen den imaginären Stift hoch und schreibe und schreibe und schreibe in einem Café an einem Sommertag, an dem es von früh bis spät regnet.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.